Wer am alten Sendlinger Kirchlein auf dem Berg über der Lindwurmstraße steht, blickt auf den ältesten besiedelten Boden im Münchner Südwesten. Hier wurde 782 ein Ort namens Sentilinga erstmals zu Pergament gebracht, fast vier Jahrhunderte bevor Heinrich der Löwe München gründete.
Sendling ist der Stadtteil, der älter ist als die Stadt, zu der er heute gehört. Vom karolingischen Dorf über die blutige Bauernschlacht der Mordweihnacht 1705 bis zur Großmarkthalle und den Genossenschaftssiedlungen der Arbeiter zieht sich eine Geschichte voller Eigensinn. Diese Chronik führt vom ersten Schriftbeleg bis zum Wandel des heutigen Stadtbezirks 6.
- 782: Sentilinga, der erste Schriftbeleg
- Mittelalter: Bauerndorf vor den Toren der Stadt
- 1705: Die Sendlinger Mordweihnacht
- 1818: Aus dem Dorf wird die Gemeinde Untersendling
- 1877: Eingemeindung nach München
- Industrie und Arbeitersiedlungen
- 1912: Die Großmarkthalle
- Zweiter Weltkrieg und Zerstörung
- Nachkriegszeit: Wiederaufbau und Strukturwandel
- Sendling heute: Stadtbezirk 6 im Wandel
- Quellen
782: Sentilinga, der erste Schriftbeleg
Die Geschichte Sendlings beginnt mit einer Schenkung. Im Jahr 782 taucht der Ort als Sentilinga im sogenannten Cozroh-Codex auf, einem Traditionsbuch des Hochstifts Freising, im Zusammenhang mit Gütern, die später zum Kloster Schäftlarn gehörten.1
Der Name geht vermutlich auf einen bajuwarischen Sippenführer namens Sendilo zurück. Die Endung "-ing" verweist auf eine frühe Gründung der bajuwarischen Landnahme, also auf das 6. oder 7. Jahrhundert, lange bevor München überhaupt existierte. Sendling gehört damit zu den ältesten Siedlungen auf heutigem Münchner Stadtgebiet.2
Älter als München
Sendling ist 782 erstmals urkundlich belegt, 376 Jahre vor der Gründung Münchens durch Heinrich den Löwen im Jahr 1158. Das Dorf war also schon da, als die Stadt erst noch entstehen musste. Mehr zu den heutigen Vierteln steht in unserer Übersicht zu den Stadtteilen von Sendling.
Mittelalter: Bauerndorf vor den Toren der Stadt
Mit der Stadtgründung Münchens 1158 änderte sich Sendlings Rolle. Aus dem freien Dorf wurde ein bäuerliches Umland, das die wachsende Stadt mit Getreide, Milch und Gemüse versorgte. Pfarrlich gehörte Sendling über Jahrhunderte zu St. Peter in der Münchner Altstadt.3
Das Geschlecht der Sentlinger brachte es zu Ansehen: Ab 1239 sind Mitglieder der Familie im Münchner Stadtregiment nachweisbar, und mit Konrad Sendlinger stellte die Sippe von 1314 bis 1322 sogar einen Bischof von Freising.4
Um 1320 entstand in der zweiten Münchner Stadtmauer das Sendlinger Tor, das bis heute den Namen des Dorfes trägt. Die Lindwurmstraße verband das Tor mit dem Dorfkern, dessen Struktur mit Kirche, Friedhof und ehemals bäuerlichen Anwesen an der Einmündung der Lindwurm- in die Plinganserstraße noch heute zu erahnen ist.5
1705: Die Sendlinger Mordweihnacht
Kein Ereignis hat sich tiefer in das Gedächtnis Sendlings eingebrannt als die Bauernschlacht in der Nacht zum 25. Dezember 1705. Bayern war im Spanischen Erbfolgekrieg von kaiserlich-österreichischen Truppen besetzt, Abgaben und Zwangsrekrutierungen lasteten schwer auf der Landbevölkerung. Aus dem Oberland erhoben sich Aufständische unter dem Ruf, der zur Parole wurde.6
Lieber bayrisch sterben als kaiserlich verderben.
In der Christnacht zogen die schlecht bewaffneten Bauern Richtung München, um die Stadt vom Sendlinger Tor aus zu befreien. Doch der erhoffte Einlass blieb aus, der Aufstand brach durch Verrat und das Ausbleiben versprochener Hilfe zusammen. Bei der Alten Sendlinger Kirche wurden die Aufständischen von kaiserlichen Truppen gestellt. Viele, die sich bereits ergeben hatten, wurden niedergemacht.7
Etwa 1.100 Bayern fielen, auf Seite der Reichsarmee gab es rund 40 Tote. Zwischen 100 und 200 der Opfer liegen in Massengräbern auf dem Friedhof der Alten Pfarrkirche St. Margaret. Die mittelalterliche Kirche war so schwer beschädigt, dass sie von 1711 bis 1713 nach Plänen von Wolfgang Zwerger neu errichtet werden musste.8
Der Schmied von Kochel
Zur Symbolfigur des Widerstands wurde der legendäre "Schmied von Kochel", der angeblich als einer der letzten Verteidiger fiel. Der Mainzer Maler Wilhelm Lindenschmit der Ältere setzte ihn 1830 als muskulösen Kämpfer ins Zentrum eines Freskos an der Alten Sendlinger Kirche. Ein klassizistisches Denkmal von 1830 erinnert auf dem Kirchhof an die Toten.
1818: Aus dem Dorf wird die Gemeinde Untersendling
Mit dem zweiten bayerischen Gemeindeedikt von 1818 wurde Sendling neu geordnet. Altsendling, Mittersendling, Neuhofen und die Sendlinger Haide bildeten fortan die selbstständige Landgemeinde Untersendling, während Obersendling der Gemeinde Thalkirchen zugeschlagen wurde.9
Untersendling blieb zunächst ein Bauerndorf, doch die Nähe zur rasch wachsenden Residenzstadt München machte sich bemerkbar. 1869 gründeten die Sendlinger nach einem verheerenden Brand eine Freiwillige Feuerwehr, ein Zeichen für die wachsende Bevölkerung und die zunehmende Dichte der Bebauung.10
1877: Eingemeindung nach München
Am 1. Januar 1877 wurde Untersendling samt Mittersendling und Teilen der ehemaligen Sendlinger Haide nach München eingemeindet. Das Dorf wurde damit Teil der Großstadt, ein Wendepunkt, der die ländliche Vergangenheit endgültig hinter sich ließ.11
Was folgte, war ein rasanter Wandel. Entlang der Bahnlinien nach Wolfratshausen und Rosenheim siedelten sich Gewerbe- und Industriebetriebe an, parallel dazu wuchsen dicht bebaute Wohnquartiere für die Arbeiterschaft. Sendling wurde zu einem klassischen Stadtteil der Mischung aus Wohnen und Arbeiten, ein Charakter, der bis heute prägt, wie man im Bezirk wohnt und lebt.
Industrie und Arbeitersiedlungen
Schon vor der Eingemeindung hatte die Industrie Fuß gefasst. 1872 legte die Lokomotivfabrik Krauss & Comp. den Grundstein für ihr Werk in Sendling, aus dem später Krauss-Maffei hervorging und das bis 1937 in Betrieb blieb.12
Für die wachsende Arbeiterschaft entstanden umfangreiche Wohnsiedlungen, viele davon errichtet von eigens gegründeten Wohnungsbaugenossenschaften. Diese genossenschaftliche Prägung hält bis heute an und beeinflusst spürbar den Sendlinger Wohnungsmarkt. Rund um den Harras entstanden zudem zahlreiche Gebäude mit den für die Zeit um 1900 typischen Jugendstilfassaden.13
In den 1880er und 1890er Jahren bildete sich entlang der Lipowskystraße eine kleine Künstlerkolonie. Zu den Bewohnern zählte ab 1882 der Zeichner und Bilderbuchmacher Lothar Meggendorfer, ein früher Hinweis darauf, dass Sendling nie nur Arbeiterviertel war.14
1912: Die Großmarkthalle
Am 14. Februar 1912 eröffnete Oberbürgermeister Wilhelm Georg von Borscht die Münchner Großmarkthalle an der Thalkirchner Straße. Der Bau hatte 1910 begonnen, die Pläne stammten von Stadtbaurat Richard Schachner, der zur Vorbereitung Studienreisen nach Berlin und Paris unternommen hatte.15
Die vier Markthallen, jede 17,20 Meter breit und 20 Meter hoch, waren mit rund 2,8 Millionen Goldmark Deutschlands größter Stahlbetonbau der Zeit und ein Wahrzeichen der funktionalen Industriearchitektur. Bis heute ist die Großmarkthalle einer der größten Frischemärkte Europas für Obst, Gemüse, Fisch und Blumen und beliefert ausschließlich den Großhandel, nicht den Endkunden.16
Ein Markt für die ganze Stadt
Mit der Großmarkthalle wurde Sendling zur Speisekammer Münchens. Über das Areal liefen täglich Tonnen von Frischware, die von hier in Läden, Restaurants und Küchen der ganzen Stadt verteilt wurden. Bis heute prägt der Großmarkt das Bild und den Verkehr im Norden des Bezirks. Wo sich gut frühstücken und einkaufen lässt, zeigt unsere Liste der Cafés in Sendling.
1913 wurde nach elfjähriger Bauzeit auch die Neue Pfarrkirche St. Margaret fertiggestellt, deren mächtiges Tonnengewölbe das Viertel prägt. Ihr Turm steht durch die Hanglage rund zehn Meter höher über dem Meeresspiegel als die Türme der Frauenkirche.17
Zweiter Weltkrieg und Zerstörung
Wie ganz München litt Sendling schwer unter dem Luftkrieg. In der Nacht vom 6. auf den 7. September 1943 traf ein britischer Angriff die Großmarkthalle und beschädigte sie schwer. Bombenangriffe der Jahre 1943 und 1944 zerstörten Wohnhäuser in Mittersendling und am Brudermühl, rund 80 Häuser in diesen Quartieren wurden vernichtet.18
Nach Kriegsende lebten in Barackenlagern auf Sendlinger Boden zeitweise bis zu 1.000 Displaced Persons. Der Schutt der zerstörten Stadt wurde unter anderem am Neuhofener Berg aufgetürmt, der dadurch zu einem der Trümmerberge Münchens wurde und heute als grüner Aussichtshügel dient.19
Nachkriegszeit: Wiederaufbau und Strukturwandel
In den Jahrzehnten nach 1945 wuchs Sendling wieder zusammen. Industrie blieb zunächst prägend: Von 1945 bis 1975 betrieb der Konzern Reemtsma in Mittersendling eine Zigarettenfabrik, die als Philip Morris bis 2011 zeitweise zu den größten Münchner Gewerbesteuerzahlern zählte.20
Gleichzeitig setzte ein Strukturwandel ein, der bis heute anhält. Klassische Industrie zog ab, an ihre Stelle traten Dienstleistung, Wohnen und Gewerbe. Der Charakter als bezahlbares Arbeiterviertel geriet zunehmend unter den Druck steigender Mieten, ein Thema, das die Lebenshaltungskosten in Sendling bis heute prägt.
Erholung fanden die Sendlinger seit jeher an der Isar: Der Flaucher, benannt nach der 1870 von Johann Flaucher eröffneten Gastwirtschaft, ist bis heute das beliebteste Grill- und Badegebiet im Münchner Süden. Mehr Orte zum Verweilen sammelt unsere Übersicht der Sehenswürdigkeiten in Sendling.21
Sendling heute: Stadtbezirk 6 im Wandel
Heute bildet Untersendling den Kern des Stadtbezirks 6 Sendling. Ende 2023 lebten dort rund 40.790 Menschen auf knapp 3,9 Quadratkilometern, womit Sendling zu den dichter besiedelten Bezirken Münchens gehört.22
Der historische Dorfkern an der Plinganserstraße, die alte und die neue St. Margaret, die Großmarkthalle und die Genossenschaftssiedlungen erzählen bis heute von den Etappen dieser Geschichte. Zugleich verändert sich der Bezirk: Das Großmarktareal soll in den kommenden Jahren neu geordnet und behutsam mit Wohnungen ergänzt werden, während der Aufstieg der Mieten den alten Arbeitercharakter mehr und mehr überlagert.
Was bleibt, ist der Eigensinn. Sendling war Dorf, bevor München Stadt war, es war Schauplatz einer der bekanntesten bayerischen Erhebungen, und es versorgte die Großstadt mit Frischware vom Großmarkt. Diese Mischung aus Land, Aufruhr und Arbeit macht den Stadtteil bis heute aus.